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Das Thema Zweitwohnungen ist aufgrund einerSensibilisierungskampagne, die der Heimatpflegeverband, die Schützen und der ASGB gemeinsaminitiiert haben, in jüngster Zeit wieder verstärkt diskutiert worden. Die lokalen Medien haben der Thematik breitenRaum gewidmet. Der Heimatpflegeverband hatseine diesjährige Jahreshauptveranstaltung (wohlnicht ganz zufällig) in Toblach abgehalten. Auch die Ortsgruppe des HPV hat sich sehr eingehend mit der Thematik auseinandergesetzt und auf die zahlreichen wirtschaftlichen und sozialen Aspekte hingewiesen. Zweitwohnungen gibt es in Toblach freilich seit Jahrzehnten. Bereits in den 70er und 80er Jahren wurden Gebäude errichtet, die nicht ausschließlich
von der einheimischen Bevölkerung bewohnt wurden und werden. Was ursprünglich wohl als positiv und fortschrittlich angesehen wurde, entwickelte sich mehr und mehr zu einem gravierenden Problem für den Ort. Die Zahl der Zweitwohnungen nahm von Jahr zu Jahr zu, die Grundstücks- und Wohnungspreise stiegen, zuletzt nahezu ins Unermessliche. Toblach wurde in den vergangenen Jahrzehnten (wie auch andere Gemeinden des Hochpustertals) als interessantes Terrain für Spekulation und satte Gewinne entdeckt. Die Folgen sind mittlerweile unübersehbar: Zusehends mehr seelenlose Gebäude mit Klein- und Kleinstwohnungen, deren Rollläden den weitaus größten Teil des Jahres geschlossen bleiben, „zieren“ das Ortsbild. Außerdem sehen sich die Einheimischen mit astronomischen Wohnungs- und Grundstückspreisen konfrontiert. Eine Reihe weiterer Auswirkungen dürfte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten spürbar werden. Selbstverständlich stellt sich die Frage der Verantwortlichkeit: Ist es der Einzelne, der seinen Besitz allzu leichtfertig veräußert und Gewinnmaximierung zum obersten Prinzip erhebt? Ist es die Gemeindeverwaltung, die gewisse Projekte allzu leichtfertig durchwinkt? Ist es eine von der SVP verantwortete Landesgesetzgebung, die mit einem allzu laschen Raumordnungsgesetz sehr viel ermöglicht? Allen ist bewusst, dass es sich grundsätzlich um eine sehr sensible und nicht selten emotional geführte Debatte handelt. Auf der einen Seite steht das unbestrittene Recht jedes Einzelnen, über seinen Besitz, seinen Grund und Boden im Rahmen der Gesetze frei zu verfügen. Auf der anderen Seite stehen Bedürfnisse und Erwartungen einer Gesellschaft, einer Dorfgemeinschaft eines Kollektivs, in das der Einzelne zwangsläufig eingebettet ist und bleibt. Wenn man einzelne Aspekte der Problematik auch unterschiedlich bewerten kann, wird man insgesamt doch einräumen müssen, dass letztendlich auf gesellschaftlicher Ebene eine Wertediskussion zu führen ist. In einer solchen ist die Frage aufzuwerfen, inwiefern jeder Einzelne eine Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft hat, welche Werte wir als Einzelne und als Kollektiv in den Vordergrund stellen und wie man dieser bedenklichen Situation Herr zu werden vermag.

Interview mit Vizebürgermeister Bernhard Mair

Bernhard Mair, Vizebürgermeister, befasst sich seit seinem Einstieg in die Politik mit der Thematik „Zweitwohnungen“. Er kennt die Situation in Toblach sehr genau und hat sich immer wieder auch medial dazu geäußert.

Herr Mair, Sie verfolgen die Thematik „Zweitwohnungen“seit ihrem Einstieg in die Politik. Welche Entwicklungen ließen sich in den letzten Jahrzehnten in Toblach beobachten?

Vizebm. MAIR: Die Thematik „Zweitwohnungen“ ist sicher wie jede Wirtschaftstätigkeit von der Marktsituation abhängig. Es hat im Laufe der Jahrzehnte immer wieder Veränderungen gegeben, auch weil die Landesgesetzgebung auf die Problematik auf Hinweis der betroffenen Gemeinden reagiert hat. In der Zwischenzeit ist der Zweitwohnungsbau ganz in der Hand einiger einheimischer Südtiroler Unternehmer.

Finanziell profitieren Gemeinde und Bürger von Zweitwohnungen, da teilweise recht hohe Abgaben entrichtet werden (ICI/IMU, Aufenthaltssteuer, Müllgebühren, Wasser etc.), die dann wieder allen zugutekommen. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch auch zu erwähnen …

Vizebm. MAIR: Da müssen wir differenzieren, da ja jede Steuer und Gebühr nur auf Grund gesetzlicher Grundlagen eingehoben werden kann. Auch wenn wir immer wieder versucht haben, die Belastungen für unsere Gemeinde durch die Zweitwohnungen
durch Steuern abzufedern, ist dies nur zum Teil möglich. Von „profitieren“ kann überhaupt keine Rede sein, immerhin müssen wir die Infrastrukturen, die teilweise nur für wenige Wochen im Jahr voll genützt werden, das ganze Jahr instandhaltenund dies wird von den Zweitwohnungseigentümern auch eingefordert. Für unsere Gemeinde und unsere Bürger überwiegen eindeutig die Nachteile.

Bei den Zweitwohnungen kann man auch von energetischem Wahnsinn sprechen. Aufgrundder Temperaturen, die in Toblach winters herrschen, müssen die Wohnungen auch beheizt werden, obwohl sie gar nicht bewohnt werden ..

Vizebm. MAIR: Das wird sicher notwendig sein. Nebenbei sind diese Gebäude sehr oft auch energetisch schlecht gebaut, besonders jene, die in den Siebzigerjahren errichtet worden sind.

Mit dem Problem „Zweitwohnungen“ kämpfen auch andere alpine Gebiete, etwa die Schweiz und Nordtirol. In Nordtirol verbietet ein Gesetz, dass mehr als 8% Zweitwohnungen gemeldet sind. Warum wurde eine derartige Beschränkung nicht längst auch in Südtirol eingeführt?

Vizebm. MAIR: Das kann ich leider nicht sagen. Es ist immer wieder gesagt worden, dass die Nordtiroler Regelung EU-widrig sei. Es ist nun höchste Zeit, dass diese Frage endgültig von den Fachleuten geklärt wird, wobei die Meinungen unterschiedlich sind, um eine ähnliche Regelung auch in Südtirol einzuführen.

Indem man einen Großteil der neu errichteten Wohnungen konventioniert, d.h. den Einheimischen vorbehält, versuchte man das Problem in den Griff zu bekommen. Was nützt eigentlich die Konventionierung, wenn di Wohnungspreise für die Einheimischen trotzdem nahezu unerschwinglich bleiben?

Vizebm. MAIR: Es ist eine Tatsache, dass der Preis für die konventionierten Wohnungen mehr als die Hälfte niedriger ist als der Preis der sog. freien
Wohnungen. In diesem Sinn hat die Konventionierung sehr wohl einen Sinn. Leider ist trotzdem auch der Preis der konventionierten Wohnungen im Unterschied zum Mietpreis ein vom Markt festgelegter Preis, so dass auch hier Toblach oft teurer
als umliegende Orte zu sein scheint.

Wenn sich zusehends mehr junge Menschen eine Wohnung in der eigenen Gemeinde nicht mehr leisten können, ist das eine Entwicklung, die mit großer Sorge erfüllt. Was sagen Sie einer jungen Familie, die sich gezwungen sieht abzuwandern?

Vizebm. MAIR: Es tut uns sicher allen sehr leid, wenn eine junge Familie sich aus finanziellen Gründen gezwungen sieht, abzuwandern. Die Gemeinde
hat sicher immer versucht, den Wohnungsmarkt so weit wie möglich für unsere Bevölkerung zu gestalten, aber die Möglichkeiten sind in einem System freier Marktwirtschaft begrenzt.

Gemeindeverwaltung und Baukommissionbhaben die Aufgabe, die urbanistische Entwicklung des Dorfes zu gestalten und Fehlentwicklungen
zu verhindern. Die Ergebnisse sieht man nicht immer. Wo liegen die Grenzen
des Regulierens?

Vizebm. MAIR: Die Möglichkeiten des Gemeinderates liegen in erster Linie in der Schaffung der urbanistischen Voraussetzungen für eine bauliche Entwicklung des Dorfes über den Bauleitplan, Landschaftsschutzplan und die Detailpläne. Dieser Verantwortung muss man sich als Gemeinderat immer bewusst sein. Nachher in der Durchführungsphase kann die Gemeindeverwaltung und auch die Baukommission
relativ wenig tun, wenn die formellen urbanistischen Parameter eingehalten werden und ein Bauherr die Möglichkeiten, wie es heute meistens geschieht, bis zum letzten ausreizt. Es ist hier zu einfach, die Verantwortung nur auf die Gemeinde zu schieben. Problematisch ist auch der Verkauf von alter Bestandskubatur, die oft keiner Bindung unterliegt. Hier hat die Gemeinde meistens überhaupt keine Möglichkeit einzuwirken.

Die neue Zweitwohnung entsteht eigentlichimmer dann, wenn sich der Ortsansässige entschließt, seinen Besitz zu verkaufen. Politik, Verwaltung, Spekulanten sind in der Kette nachgeordnete Glieder, wobei freilich die
Entscheidung zum Verkauf durch gesetzliche Vorgaben und Marktpreise massiv mitbestimmt wird …

Vizebm. MAIR: Das ist sicher richtig. Damit es zu einer Spekulation kommt, muss jemand – meistens wohl ein Ortsansässiger – bereit sein, zu verkaufen. Die Beweggründe mögen und werden wohl verschiedene sein. Etwas ist klar: wenn ich mein Eigentum: Grund und Boden oder Gebäude – verkaufe, verkaufe ich die Grundlage meiner Existenz. Das Geld, das am Anfang so viel erscheint, wird
bald weniger und viele finden sich dann als Wohnungsinhaber in einem Kondominium wieder mit all den damit verbundenen Folgen. Wir sollten wieder mehr lernen, das zu errichten, was wir brauchen und nicht alles ausreizen, was wir dürfen und damit auch unseren Kindern und zukünftigen Generationen eine Entwicklungsmöglichkeit belassen.

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